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Natürliche Proteinbombe – Plage oder Erfolsgarant?

Was mir auf meinem letzten Trip passiert ist, glaubt man nur, wenn man es mit eigenen Augen gesehen hat.

Aber fangen wir vorne an.

Meine ersten Trips des Jahres führen mich häufig schon an die großen Gewässer bei uns im Osten. Viele Angler starten an kleineren Seen, die sich schneller erwärmen und schon im zeitigen Frühjahr produktiv werden. Aber wenn man sein Revier kennt, kann man auch auf den Großgewässern zeitig im Jahr fangen. Jetzt ist man hier noch allein und kann die Natur genießen. Gerade nach den langen Wintermonaten, zieht es mich wieder hier her, an meine Lieblingsgewässer.

Häufig angele ich dort vom Boot aus. Die guten Plätze liegen nämlich meist an unzugänglichen Stellen, die vom Land nicht zu befischen sind. In solchen Ruhezonen fühlen sich aber nicht nur die Karpfen wohl, wie ich auf diesem Trip feststellen durfte.

 

Es wird immer wärmer und die Wassertemperatur stieg in den letzten Wochen exponentiell an. Den Karpfen verhalf dies aus ihrer winterlichen Lethargie und so versprach ich mir gute Erfolgschancen. Aber nicht nur die Rüssler waren aus der Winterruhe erwacht.

Aus den vergangenen Jahren kenne ich das Phänomen schon, aber was dieses Jahr geschah, war unvorstellbar.

Zur Dämmerung flaute der Wind immer weiter ab und ich genoss die immer noch warmen Temperaturen bei einem kühlen Getränk. Beine hoch und auf den ersten Run gewartet. Die abendliche Stille wurde vom Laichgeschäft der Plötzen unterbrochen. Mir fiel auf, das extrem viel Weißfischaktivität an der Oberfläche zu sehen war und kurze Zeit später, kannte ich auch den Grund dafür. Die warmen Temperaturen und der abnehmende Wind hatten den Startschuss für den Schlupf der Eintagsfliegen gegeben und millionen-, ach was sage ich, milliardenfach stiegen sie empor, um in ihrem kurzen Dasein nur eins zu erreichen, ihre Gene weiter zu geben und der wollüstigen Reproduktion zu frönen.

Um diesem Akt der Leidenschaft nach zu kommen, erwählten scheinbar alle Insekten des Sees mein Boot zu ihrem Liebesnest aus.

Im Dunkeln sitzend bemerkte ich die feindliche Übernahme nicht sofort. Erst als ich gegen 23:00 Uhr den ersten Vollrun bekam und die Kopflampe einschaltete, überkam mich der Anblick. Alle weißen Teile des Bootes hatten ihre Farbe geändert und waren teilweise zentimeterhoch mit kleinen Fliegen besetzt. Nun hieß es aber erstmal drillen. Nach einem zehn minütigen Kampf indem der Fisch die Rute immer wieder krumm machte und etliche Meter Schnur für sich gewinnen konnte, schlossen sich schließlich die Maschen meines Keschers um ihn.

Zurück an Bord der schwimmenden Basis realisierte ich das ganze Ausmaß der Insektenattacke. Mich grauste es schon davor am nächsten Morgen die Laichen mit Hilfe von viel Wasser entfernen zu dürfen.

Da kam mir die Idee. So krass wie in dieser Session war es noch nie und vielleicht ist der Überfluss der Insekten ja auch der Grund dafür, dass die Fische sich in dieser Bucht aufhielten. Warum also sich diese natürliche Proteinbombe nicht zu nutzen machen, dachte ich mir.

Lange Rede kurzer Sinn, ich schnappte mir die Futterschaufel, sammelte die Fliegen millionenfach ein und mischte sie unter den Hanf. Was soll ich euch sagen, die ernährungsphysiologische Aufwertung schien eine gute Idee gewesen zu sein. In dieser und drei weiteren Nächten konnte ich etliche Fische zum kurzen Landgang überreden und so wurde dieser Trip zu einem einmaligen Erlebnis. Dazu aber an anderer Stelle, zu einem späteren Zeitpunkt mehr. 

Ich nutze schon häufig natürliche Nahrungsquellen für meine Angelei. Ob das Füttern von  Zuckmückenlarven oder geknackten Muscheln, immer führte es zum Erfolg. Doch noch nie war es so einfach wie dieses Mal und so wurde die Plage zum Erfolgsgaranten der Session.

 

Euer Karsten Neumann